Wenn das Licht ausgeht

Unlängst sah ich eine Folge der Serie Revolution. Die Prämisse der Geschichte in aller Kürze: Die Elektrizität kommt weltweit plötzlich zum Erliegen.
Die Episode war interessant genug, um sich bei Gelegenheit weiter mit der Serie zu befassen, doch von Revolution soll hier primär nicht die Rede sein.

Vor einigen Tagen fuhr ich wieder mit der U-Bahn, wie meistens in einem Buch versunken, einem Echten, aus Papier. Während der Fahrt blickte ich auf und sah mich von weiteren Lesenden umgeben. Einem Herrn mit einem Tablet, einem jungen Mann mit einem E-Reader und einer sehr jungen Dame, die mit einem Smartphone zugange war. Unterstellen wir einmal, das auch hier ein Buch gelesen wurde.
Drucktechnisch gesehen war ich also in der Minderheit, aber eingedenk der Serie Revolution kam mir der Gedanke: „Ich gewinne, wenn der Strom dauerhaft ausgeht – abgesehen davon, dass ich gerade in einer U-Bahn in einem Tunnel unter der Erde sitze.“

Mein Buch könnte ich auch ohne Elektrizität immer wieder verwenden, während E-Reader und Co über kurz oder lang eine Zukunft als Türstopper erwartete. Ich bin beileibe kein Gegner des E-Books. Ich gestehe, ich besitze und benutze mehr als einen E-Reader. Hitzig geführte Diskussionen, ob „echtes“ Buch oder digitales Werk besser sei, halte ich für sinnlos, beides hat seine Vorteile. Nicht zu leugnen ist allerdings – ohne Strom kein digitales Buch. Was mich zu der Frage führte, welche Bücher hätte ich gerne gedruckt, um sie immer wieder lesen zu können, wenn der Strom verschwindet?


Lassen wir einmal außer Acht, dass  Lektüre anfangs wahrscheinlich die geringste Sorge wäre, tritt das stromlose Szenario mitsamt dem unvermeidlich nachfolgenden Chaos ein. Negieren wir auch den Gedanken, dass Ratgeber à la Überleben für Dummies, 102 Wege Zombies zu umgehen oder eventuell Der kleine Elektriker die Bestseller der neuen Zeit wären. Gehen wir weiters davon aus, dass die Antwort „alle, die ich habe“ nicht gilt. Telefonbücher wären sinnvoll, wenn Mangel an Toilettenpapier sich bemerkbar macht, aber auch um diese Art von Nutzen soll es hier nicht gehen.

Welche Bücher also? Klassiker der Weltliteratur, Thriller, Science Fiction, Krimi, Fantasy? Horaz Werke, doch John Irving oder Andreas Gruber? Bisschen was von allem?

Ich entschied ich mich für Terry Pratchett, und zwar möglichst alle seine Werke.

Einerseits hätte es den Vorteil, dass es beim Lagerfeuer am Abend des Weltunterganges auch noch was Neues gäbe, eine Handvoll seiner Bücher fehlt mir noch, der eigentliche Grund aber ist der Humor.
Ich mag Terry Pratchetts Blick, seine Aufmerksamkeit, für die Welt und die Menschen und seine Fertigkeit, all das pointiert in seine Scheibenwelt zu bringen, so dass auch noch genug Raum zum Nachdenken bleibt, wenn man möchte. Und wenn man es gerne ein bisschen schräg mag.

Die Scheibenwelt-Romane, das Hauptwerk Terry Pratchetts, sind keine klassische Fantasy Geschichten, bedienen sich aber deren Elemente und gehen in einem skurillen Mix darüber hinaus. Hexen, Zauberer und altgediente Helden präsentieren sich in erfrischend neuem Gewand. Elfen haben ebenfalls ihren Auftritt und sie sind ganz anders, als Tolkien uns glauben machen wollte. Wir finden Könige, Lords und Ladies, Zwerge und Trolle ebenso wie Vampire und Werwölfe in durchaus verantwortungsvollen Positionen. Wir erleben kleine Gaunereien, Intrigen, Politik und Rock´n Roll. Die Erfindung der Eisenbahn, das Entstehen der freien Presse, die Einführung der Telekommunikation sind Thema, wie auch Faszination und Glanz der bewegten Bilder, wenn der Geist von Holy Wood erwacht.
Mythische Gestalten und Gottheiten begegnen uns, auch TOD (keiner sollte verpassen, was geschieht, wenn er Urlaub macht), und natürlich ist da noch Susanne, die Enkelin von TOD. Philosophie und Gesellschaft kommen nicht zu kurz, und, und, und …

Die Scheibenwelt parodiert gekonnt das Treiben der uns bekannten Welt.

Genremäßig ist für Abwechslung gesorgt. Spuren von Klassikern, Krimi, Gesellschaftsroman, Mythen und Sagen, es lässt sich alles finden in Ankh-Morpok und Umgebung. Wer noch nie von Terry Pratchett gehört hat, sollte einmal die Allwissenheit des Internets bemühen und danach das Verkehrsmittel seiner Wahl zum nächsten Buchgeschäft. *)

Jeder Autor hat Höhen und Tiefen, manche Pratchetts beeindrucken mehr als andere, aber ich bleibe dabei: Möglichst alle will ich greifbar haben, wenn der Strom ausgeht, denn die Apokalypse kann lange dauern und Humor werden wir dann brauchen.

 

*) Oder wenden Sie sich gleich an den Buchhändler Ihres Vertrauens und fragen direkt nach Terry Pratchett **)
**) Wenn Sie abenteuerlustig sind, sagen Sie, Sie sind auf der Suche nach Gefährten für den Weltungergang. Es könnte sich ein interessantes Gespräch entspinnen, und vielleicht gewinnen Sie einen Freund für´s Leben. ***)
***) Eventuell bekommen Sie aber auch eine sehr enge Jacke und ein Zimmer mit weichen Wänden.

 

Eine Frage noch an die Leser, die diese Zeilen gefunden haben.
Welche Bücher wären Ihre erste Wahl für nach dem Weltungergang?

Ich weiß, die Frage ähnelt ein wenig der klassischen Welches-Buch-nehmen-Sie-mit-auf-die-einsame-tropische-Insel Frage, aber hier dürfen es mehr Bücher sein. Vorteil Apokalypse also. Auch wenn Sie lange nach Veröffentlichung auf diesen Artikel gestoßen sind, immer hinein in die Kommentare mit den Empfehlungen. Das Internet bietet viel Platz, zumindest solange – bis das Licht ausgeht.

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4 Gedanken zu “Wenn das Licht ausgeht

  1. Sehr geehrter Herr Krimzon,

    wir vom Komitee für denkende Leser möchten Ihnen hiermit zu Ihrer Wahl gratulieren und Ihnen versichern, sollten Sie je den Wunsch verspüren, einen Antrag auf Mitgliedschaft im Komitee zu stellen, selbiger mit Wohlwollen behandelt werden wird.

    Hochachtungsvoll
    Reuben Rumpelpot,
    Sekretär

    Und jetzt zu was ganz anderem: Wie lange darf die Apokalypsen-Wunsch-Bücher-Liste werden? Weil ehrlich gesagt, hebe ich Papierbücher nur dann auf, wenn sie den „Will ich nach der Apokalypse immer noch lesen können“ Test bestehen. Und ich hab trotzdem… öhm… viele?

    Ich nenn mal die Autoren, die mir sofort einfallen, was ja ein gutes Zeichen dafür ist, dass Sie mich beeindruckt haben:

    Terry Pratchett, Gail Carriger, Neil Gaiman, Jasper Fforde, Dorothy Leigh Sayers, Hans Bemmann, Barry Hughart, John Dickson Carr, Edmund Crispin, William DeAndrea, John Maddox Roberts, Philip Reeve, Bill Watterson (Comics sind auch Bücher!) usw usw.

    Und ja, ich lese beide Arten Bücher: Krimis und Fantasy 🙂
    Und aus.

    1. meinen besten Dank ans Komitee. Wie´s scheint bist Du gut vorbereitet, da sind einige feine Sachen dabei. Kenne ich noch nicht alle, wenn ich´s vor der Apokalypse nicht schaffe reinzulesen, weiß ich ja, wo ich dann hingehen kann. 😉

  2. Also – ich hab jetzt echt lang darüber nachgedacht. Angesichts meiner zehn Laufmeter Bücherregal ist die Antwort nicht so einfach … obwohl einiges davon könnten dann wohl als Heizmaterial oder Klopapier dienen …

    Für das „es ist alles nicht so schlimm Gefühl“ – hmmm, meine englischen Kinderbücher, allen voran „The Secret Garden“.

    Meine dystopischen Bücher – so nach dem Motto, schlimmer geht immer (Zombiiies!!! bzw. Cryonic – weil die Russen, DIE können Dystopien schreiben).

    Neil Gaiman, eigentlich alles, für die Realitätsflucht.

    Und einige meiner Fachbücher könnten dann doch tatsächlich hilfreich sein (Elektronik für den Hausgebrauch).

    Und meine (sehr limitierte – ergo vier) Sammlung an Erotik – Literatur als Handelsware, weil kein Internet mehr und wir wissen ja alle wofür das ist …

    Und … und … und …

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