Süßes und Saures – Teil 5 und Ende

Kurz vor zehn Uhr am nächsten Vormittag hielt ich vor der Kirche Aller Heiligen. Neugotischer Stil mit rötlichen Ziegeln, gepflasteter Vorplatz. Linker Hand wuchsen einige große Weiden. Dahinter war der Friedhof, das ganze Areal war von einer niedrigen Mauer umgeben, ebenso aus rötlichen Ziegeln gemauert. Ein Mann und eine Frau standen beim Eingang der Kirche.

Ich ging näher, die Schottendecke hatte ich unter dem Arm.
Die Frau war in etwa in meinem Alter, trug das lange rötliche Haar offen, ein paar Sommersprossen zierten ihr Gesicht. Sie war blass, aber sehr attraktiv. Grüne Augen blickten mich fragend an. Kein Zweifel, das war Silvia, Mariahs Mutter. Der Mann neben ihr musste Jonathan sein. Er war ein paar Jahre älter als sie, erste graue Schimmer zeigte sich in seinem kurz gestutzten Vollbart. Er hatte einen Arm um Silvia gelegt. Er trug eine Hornbrille und sah mich ernst an.

»Frau Manjurin? Herr Manjurin?«, fragte ich.
Jonathan streckte mir die Hand entgegen.
»Vielen Dank, dass sie gekommen sind«
»Keine Ursache. Ich ..«
»Eine Bitte, bevor wir weitersprechen …«, er griff in seine Manteltasche, holte eine Fotografie hervor und reichte sie mir. »Erkennen sie jemanden auf diesem Bild?«
Ich betrachtete das Foto.
»Ja natürlich, das ist Mariah, in ihrem Hexenkostüm mit ihrem Vater. Frank, richtig?« Ich sah zu Silvia und ihrem Schwager. »Sie trägt auch den Rubin. Haben sie das Foto auf der Party, letzte Woche gemacht?«, fragte ich und gab Jonathan das Bild zurück.
Silvia sah Jonathan an, nickte und löste sich von ihm.
»Ja und nein« sagte sie. Sie hatte eine angenehme dunkle, ein wenig rauchige Stimme.
Sie blickte mich an.
»Können wir ein paar Schritte gehen?«, fragte sie
»Wenn sie wollen, natürlich. Aber ich verstehe nicht, was …«
»Das Foto, wissen sie …«, sie strich über die Decke und sah zu Jonathan.
Er nickte.
Silvia wandte sich wieder mir zu, hakte sich unter und führte mich vom Eingang der Kirche weg.
».. das Foto wurde auf Franks Halloween Party gemacht, das ist richtig. Nur, die Party war nicht letzte Woche« Sie stockte ein wenig. »Die Party war letztes Jahr«

Ich zog die Augenbraue hoch, sagte aber nichts. Wir gingen weiter, an den Weiden vorbei, näherten uns dem Friedhof. Jonathan folgte in einigen Metern Abstand.
»Mariah hatte sich schon wochenlang auf die Party gefreut, sie sprach von nichts anderem mehr, als von Hexen und Partys«, sie lächelte. Das Lächeln stand ihr gut, fand ich, aber es gelangte nicht bis zu ihren Augen.
Ich schmunzelte »Und sie war bestimmt ganz stolz auf ihren Hut?«
»Oh ja. Aber dann wurde ich krank. Nichts Schlimmes, eine Erkältung, ein wenig Fieber. Frank wollte zu Hause bleiben, aber ich überredete ihn, trotzdem zu fahren, ohne mich. Es war doch die erste ‚große‘ Party für unsere Prinzessin«
Wir waren am Friedhof angekommen und schlenderten an den Grabsteinen vorbei.
»Ich setzte Mariah den spitzen Hut auf den Kopf, sagte ihr, sie soll gut auf ihren Papa aufpassen. ‚Natürlich‘ antwortete sie ‚echte Hexen passen auf ihren Papa auf. Und auf ihre Mama‘ Das war das letzte, was ich von ihr hörte … und auch von Frank habe ich nichts mehr gehört«
Wir waren stehengeblieben. Silvia deutete auf den Grabstein vor uns.
‚Manjurin‘ stand in weißer Schrift auf dem schwarzen Stein. ‚Mariah‘ und ‚Frank‘

»Es war auf der Heimfahrt. Mariah war auf der Party eingeschlafen. Frank blieb noch ein wenig, dann packte er sie in die Decke, legte sie auf die Rückbank und brach auf. Er hatte nichts getrunken, das tat er nie, wenn er mit dem Auto unterwegs war. Ein Pickup hatte ein Stoppschild übersehen. Sie hatten keine Chance. Der Wagen überschlug sich mehrfach und brannte komplett aus.«
Sie verstummte, senkte den Kopf.
Ich starrte auf das Grab, das mit bunten Blumen geschmückt war, und schwieg ebenfalls.

»Halloween, letzte Woche« begann sie »ich wollte nur schlafen. Ich hätte es nicht ertragen, all die Kinder … Ich wollte wirklich nur schlafen, glauben sie mir, aber … Ihr Läuten, es weckte mich. Ich konnte sehen, dass es hell war, Tag offenbar. Aber ich konnte mich nicht auf den Beinen halten. Mir war schlecht, ich konnte nicht rufen. Die Vase konnte ich erreichen, dann verlor ich das Bewusstsein. Wenn sie einen Augenblick früher gegangen wären, ich weiß nicht …«, sie ließ den Satz unvollendet, sah mich an und zog die Hand aus ihrer Manteltasche.
Sie hielt mir das Samtband mit dem Rubin auf der Handfläche entgegen.
Mein Blick wanderte zwischen dem Grabstein und dem Schmuckstein hin und her.
»Wie …?«, setzte ich an.
»Darüber sollten wir uns unterhalten«, sagte sie.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und diesmal erreichte es auch ihre Augen.
»Mögen Sie Kakao?«, fragte sie.
»Ja«, antwortete ich.
»Sehr gerne«.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s