Süßes und Saures – Teil 4

Binnen Minuten waren die Einsatzkräfte vor Ort. Die Eingangstür wurde aufgebrochen. Die Sanitäter kümmerten sich um die Frau, auf einer Trage wurde sie in den Krankenwagen gelegt. Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt. Das Licht des Rettungswagen stach in den Augen, als er rasch in die aufkommende Dunkelheit davonfuhr.

Die Polizei stellte mir noch einige Fragen. Sie gaben sich damit zufrieden, als ich ihnen sagte, ich sei ein flüchtiger Bekannter, der zufällig vorbeigekommen war, und das Geräusch der umgestoßenen Vase gehört hatte. Die ganze Zeit über hielt ich in meiner Jackentasche das Samtband mit dem in Silber eingefassten Rubin fest umschlossenin meiner Hand. Dann stand ich wieder alleine vor dem Haus An der Weiden Nummer vier
Von Mariah und ihrem Vater war nichts zu sehen gewesen. Vielleicht waren sie unterwegs und kümmerten sich um den liegengebliebenen Wagen. Ich schrieb eine kurze Nachricht und meine Telefonnummer auf ein Blatt aus meinem Terminkalender. Dann wickelte ich das Samtband mit dem Rubin in die Nachricht und warf das Päckchen in den Briefkasten. Mit zitternden Knien ging ich zu meinem Auto und fuhr nach Hause. Die Decke lag auf dem Rücksitz meines Wagens.

Zwei Tage vergingen. Ich hatte um kurzen Rückruf gebeten, aber weder Mariahs Vater noch sonst jemand meldete sich. Ich machte mir Sorgen um die kleine Hexenprinzessin, ihren Vater und die beste Mama von allen. Manjurin, An den Weiden Nummer vier stand im Telefonbuch. Zweimal rief ich in den folgenden Tagen an, doch niemand ging ans Telefon. Freitagabend beschloss ich, am nächsten Morgen noch einmal vorbeizufahren. In diesem Augenblick läutete mein Telefon.

Ich meldete mich.
»Manjurin« sage eine dunkle männliche Stimme am anderen Ende der Leitung.
Es war nicht Mariahs Vater.
»Jonathan Manjurin. Ich bin Silvias Schwager … Mariahs Mutter. Die Frau, die sie letzte Woche .. gefunden .. haben.«
»Wie geht es ihr?«, fragte ich.
»Silvia hatte Glück. Glück, dass sie vorbeikamen, als sie …«, er machte eine kurze Pause. » … als sie bei der Dosierung ihrer Schlaftabletten nicht aufgepasst hatte. Glück, dass ich Dienst hatte im Krankenhaus. Es geht ihr wieder besser«
»Das freut mich zu hören. Wie geht es Mariah?«
»Mariah … sie schreiben …«, wieder eine Pause, »… sie schreiben, Mariah hätte den Rubin bei ihnen vergessen?«
»Ja, er war in der Decke, sie und ihr Vater haben sie vergessen, als sie diese Panne hatten, in der Nacht und …«
»Frank. Mein Bruder. Sie sagen, Frank und Mariah hätten die Decke bei ihnen vergessen, nachdem sie eine Panne hatten? Haben sie die Decke noch? Wie sieht sie aus?«
»Nun..«, ich war ein wenig verwundert ».. kariert, sieht aus wie ein Schottenrock. Ist das wichtig?«
»Wie ein Schottenrock, ja«, Jonathans Stimme klang gepresst, »das war ihre Lieblingsdecke. Sie band sie sich um und ging auf die Suche nach dem Ungeheuer von Loch Ness…«
»Das kann ich mir gut vorstellen«, ich musste lächeln, obwohl es mir nicht ganz richtig vorkam. Das Gespräch nahm einen seltsamen Verlauf. »Wie geht es der Kleinen und .. Frank? Ich kenne ihre Familie eigentlich nicht, aber kann ich etwas für sie tun? Ich kann die Decke gerne vorbeibringen, wenn sie wollen?«
»Verzeihen sie, das klingt jetzt wahrscheinlich seltsam, am Telefon ist das schwer zu erklären…«, er machte abermals eine Pause, »…aber könnten wir uns treffen? Silvia und ich würden sie gerne sehen. Kennen sie die Kirche Aller Heiligen? Nicht weit von Silvias Haus. Können wir uns dort treffen? Morgen? Sagen wir 10 Uhr?«
»Ja, natürlich, aber ..«, antwortete ich verblüfft.
»Danke, vielen Dank. Dann bis morgen«, mit diesen Worten trennte Jonathan die Verbindung.
Ich starrte auf mein Telefon. Er hatte recht. Das Gespräch hatte seltsam geklungen, aber die letzten Tage waren für die ganze Familie bestimmt nicht einfach gewesen. Ich griff zum Stadtplan und suchte die Kirche Aller Heiligen.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s