Süßes und Saures – Teil 3

Ich wachte zeitig auf am nächsten Morgen. Es war Samstag, ich musste nicht zur Arbeit und das war gut so, denn ich hatte auch nicht viel geschlafen. Die Frage, wie das Samtband mit dem Rubin in die Decke gekommen war, hatte mich noch lange beschäftigt. Mariah hatte es doch getragen, als wir uns verabschiedet hatten? Unruhig lief ich den ganzen Vormittag hin und her. Bei jedem Auto das vorbeifuhr, wartete ich, ob es stoppte und Mariahs Vater ausstieg. Aber kein Wagen hielt an. Auch das Telefon blieb still. Immer wieder nahm ich das Schmuckstück zur Hand und betrachtete es. Das war kein billiger Modeschmuck. Der Stein war echt, vermutlich ein Familienerbstück. Schließlich griff ich zum Stadtplan und sah nach. An den Weiden. Ein Vorort, ähnlich dem meinen, aber am andern Ende der Stadt. Ich holte meine Jacke, steckte das Samtband ein, überprüfte, ob mein Mobiltelefon aufgeladen war, nahm die Decke, stieg in den Wagen und fuhr los.

Es war noch hell, als ich ankam. An den Weiden Nummer vier war ein hübsches Einfamilienhaus mit einer breiten Fensterfront. Vor dem Fenster befand sich ein kleiner Garten, mit einer Schaukel und einem Sandkasten. Der Sand war zu einem Hügel zusamengeschaufelt worden und dort thronte ein Kürbiskopf und blickte Besuchern aufmerksam entgegen. Eine kleine Böe trieb ein paar welke Blätter über die Straße, als ich an der Gartentür läutete. Dem Schild bei der Klingel nach, wohnte hier die Familie Manjurin. Nichts rührte sich im Haus. Kein Fenster ging auf, keine Bewegung war zu sehen. Ich läutete nochmal, länger. Keine Reaktion. Niemand war auf der Straße zu sehen. Kein Nachbar ließ sich zufällig blicken. Ich drückte mehrmals schnell die Klingel und dann wieder lang – mit demselben Ergebnis. Im Haus blieb es still.
Gerade als ich überlegte, eine kurze Notiz zu hinterlassen, hörte ich etwas. Ein Klirren. Irgendetwas war zerbrochen und das Geräusch stammte mit Sicherheit aus dem Haus An den Weiden Nummer vier.

Der Gartenzaun war nicht hoch, ich konnte leicht darüberklettern. Die Eingangstür war durchgehend massives Holz und verschlossen. Ich hastete weiter zum großen Fenster und blickte hinein. Ein modern eingerichtetes Wohnzimmer mit lederner Sitzgarnitur und Couchtisch. Eine Bodenvase mit Gladiolen hatte wohl neben der Couch gestanden. Nun lag die Vase zerbrochen vor dem Couchtisch, die Blumen lagen verstreut, Wasser breitete sich auf dem Teppich aus. Auf dem Tisch befanden sich mehrere Packungen von Medikamente, und vor dem Tisch auf dem Boden sah ich den Körper einer Frau.
Ich griff zu meinem Mobiltelefon und wählte den Notruf.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s