Süßes und Saures – Teil 2

»Also, mal sehen. Ein Telefon für den Papa und etwas Süßes für die Hexe, ja?«, sagte ich, als wir im Vorzimmer standen.
»Hast Du Kakao?«, fragte die Kleine und sah mich mit großen Augen an.
Ihr Vater wurde rot. »Mariah, nicht doch.«
»Oh ich glaube, dass lässt sich machen. Ich trinke auch gerne Kakao«, sagte ich und zwinkerte dem Mädchen zu.
»Bitte machen sie sich keine Umstände. Wenn ich nur schnell meinen Bruder anrufen …«, meinte der Mann. Er kniete sich nieder, stellte seine Tochter auf den Boden und nahm ihr die Decke ab.
»Ach, der Aufwand hält sich in Grenzen. Sehen sie, hier ist das Telefon, und wenn es ihnen recht ist, gehen Mariah und ich kurz in die Küche nebenan.« Ich deutete auf das Telefon auf dem Kästchen und wies auf die Tür, die zur Küche führte. »Die Decke können sie hier auf den Stuhl hinlegen«
»Sie sind zu freundlich. Vielen Dank, es wird nicht lange dauern.«, sagte der Mann und griff nach dem Hörer.

Ich ging in die Küche und ließ die Türe offen. Gerade als ich die Milch auf den Herd gestellt und den Herd eingeschaltet hatte, kam Mariah mir nach. Sie trug ein langes schwarzes Kleid. Die weiten Ärmeln waren mit goldenen Spinnennetzen bestickt. Eine goldene Borte zierte Kragen und Saum des Kleides. Sie hatte lange blonde, leicht rötliche Haare, ein paar Sommersprossen auf der Nase und grüne Augen.Um den Hals trug sie ein schwarzes Samtband, an dem ein in Silber gefasster Rubin hing. Auf dem Kopf saß ein großer schwarzer Hut mit breiter Krempe, der spitz zulief. Der Hut wirkte ein wenig ramponiert.

»Gefällt dir mein Hut?« fragte sie.
»Oh ja, der ist toll«
»Ich war nämlich auf einer Party. Echte Hexen tragen auf einer Party ihren Hut und legen ihn auch nicht ab, weißt Du?« Sie kletterte auf den Küchensessel, während ich das Kakaopulver suchte und die Tassen bereitstellte.
»Das wusste ich noch nicht. Aber ich werde es mir merken«
»War es eine schöne Party?«, fragte ich.
»Ja« Mariah sah mich an, legte die Finger auf die Lippen und flüsterte: »Nach einer Stunde bin ich aber schlafen gegangen.«
Ich öffnete die Dose mit Kakaopulver.
»Da waren ganz viele Geister auf der Party, aber keine Bösen. Und Fapiere. Und noch andere Hexen, aber ich war die Schönste. Das haben alle gesagt«
Ich rührte den Kakao in die Milch.
»Das glaube ich, dass du die schönste Hexe warst. Mit dem tollen Schmuck da könntest Du auch eine Prinzessin sein.«, sagte ich und deutete auf den Rubin an ihrem Hals.
»Ich bin auch eine Prinzessin« Mariah nickte heftig. »Meine Mama sagt ich bin ihre Prinzessin. Die Prinzessin von den Weiden. Dort wohne ich nämlich. An den Weiden Nummer vier. Wenn ich mich einmal verlaufe, soll ich das einem Polizisten sagen, weißt Du? Dass ich an der Weiden Nummer vier wohne. Aber Dir sage ich das auch. Du bist nett, auch wenn Du kein Polizist bist«
Der Kakao war fertig, ich füllte drei Tassen und stellte sie auf den Tisch.
»Bitte sehr, speziell für die schönste Hexenprinzessin. Aber Vorsicht, der ist heiß« Mariah nahm eine Tasse und blies über den Kakao. Sie kostete einen kleinen Schluck.
»Lecker. Fast so gut wie der von meiner Mama«
»Das freut mich«
»Dieser Ruh..Rubin gehört mir nicht wirklich, weißt Du?«
»Wirklich nicht?«
»Nein, meine Mama hat mir den geborgt. Echte Hexen haben nämlich immer schönen Schmuck, sagt meine Mama. Und schöne Kleider. Das hier hat meine Mama selber gemacht.« Sie sprang vom Stuhl, breitete die Arme aus und drehte sich einmal im Kreis. »Siehst Du«, sagte sie, kletterte wieder auf den Stuhl und nahm einen großen Schluck von ihrem Kakao.
»Du hast eine tolle Mama«
»Die beste von allen«, sagte ihr Vater.
Er hatte das Telefonat beendet und war in die Küche gekommen.
»Na, weiß der Mann jetzt alles über echte Hexen, meine Prinzessin?«
»Alles, was sich zu wissen lohnt«, antwortete ich und reichte ihm eine Tasse.
»Konnten sie Hilfe holen?«
»Ja, mein Bruder ist in ein paar Minuten bei meinem Wagen und wird uns nach Hause fahren. Wir waren bei seiner Halloween Party, auf dem Rückweg blieb das Auto plötzlich stehen und sprang nicht mehr an. Was für ein Glück, dass sie noch wach waren. Ich weiß gar nicht, wie ich ihnen danken soll. Wenn ich für das Telefonat aufkommen …«
»Oh ich bitte sie. Es ist mir eine Ehre die Prinzessin von den Weiden als Gast zu haben, wirklich«, sagte ich und verbeugte mich in Richtung Mariah.
»Ach das wissen sie auch schon? Sie ist unser ganzer Stolz, unsere kleine Prinzessin.Ja dann …haben sie vielen Dank« Er trank seinen Kakao und wandte sich seiner Tochter zu. »Komm, meine kleine Hexe. Es wird Zeit, Onkel Jonathan fährt uns gleich nach Hause«
Mariah kletterte vom Stuhl, kam zu mir und streckte mir ihre Hand entgegen. »Vielen Dank für den Kakao. Wenn Du mich besuchst, macht Dir meine Mama auch einen«
»Mit dem größten Vergnügen, Prinzessin«, sagte ich und drückte ihr die Hand.

Wir gingen nach draußen. Mariahs Vater reichte mir die Hand.
»Vielen Dank nochmals – und meine Frau macht wirklich ganz großartigen Kakao«, sagte er, lächelte und hob seine Tochter auf den Arm.
»Kommen sie gut nach Hause«, erwiderte ich und zu Mariah sagte ich: »Schlaf gut und träum was Schönes, echte Hexen machen das nämlich, weißt Du«
Sie kicherte und legte die Arme um den Hals ihres Vaters. »Schlaf gut – und du hast einen wirklich schönen Kürbis«

Ich ging ins Haus zurück. Im Vorzimmer auf dem Stuhl lag die Decke, in die Mariah gewickelt gewesen war. Schnell packte ich sie und lief wieder hinaus. Weit konnten die beiden nicht gekommen sein.
»Herr …«, setzte ich an, als mir bewusst wurde, dass ich gar nicht nach den Namen gefragt hatte. Ich blickte die Straße hinunter, sie waren nicht mehr zu sehen. Ich lief los und spähte in jede Seitenstraße. Keine Menschenseele war zu sehen. Ein wenig verwundert kehrte ich nach Hause zurück, die beiden waren wohl schneller gewesen, als ich gedacht hatte. Im Vorzimmer legte ich die Decke sorgfältig zusammen, als plötzlich etwas aus der Decke heraus auf den Boden fiel. Ich bückte mich und hob den Gegenstand auf. Es war das schwarze Samtband und daran hing der in Silber eingefasste Rubin.

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s