Süßes und Saures – Teil 1

Die Nacht war klar an diesem Halloween. Der Mond erhellte die Straßen und wetteiferte mit all den Laternen und Kürbisköpfen, die die Häuser und Zäune in der Nachbarschaft schmückten. Auch ich hatte bei der Einfahrt einen ausgehöhlten Kürbis stehen, der von einer Kerze erleuchtet, sein helles Grinsen in die Nacht strahlte.
In einem sentimentalen Augenblick hatte ich ein wahres Monster von Kürbis erstanden. Groß wie die Köpfe dreier erwachsener Männer und satt orange leuchtend, war er fast von selbst in meinen Einkaufskorb gefallen. »Fröhliches Halloween. Da werden sich ihre Kinder aber freuen« hatte die Dame an der Kassa gesagt und mit einem freundlichem Lächeln auf den Kürbis gedeutet, als ich meine Einkäufe bezahlte. »Oh .. natürlich, äh das glaub ich auch«, stotterte ich. »Auch ihnen ein fröhliches Halloween.« Schnell packte ich alles in meine Tasche. Den Kürbis klemmte ich ungeschickt und mit einiger Mühe unter den Arm und dachte kurz an Marilyn, meine Freundin, die mich vor einem Jahr verlassen hatte. Kinder waren für sie kein Thema gewesen und die Aussicht auf Karriere und Erfolg verlockender, als die Vorstellung von Familie und Vorstadt.

Zurück in meinem leeren Haus, hatte ich die Lebensmittel verstaut und mich dann am Küchentisch über meinen Kürbis hergemacht. Sorgfältig hatte ich ihn ausgehöhlt und vorsichtig zwei Dreiecke für die Augen und einen breiten Mund mit spitzen Zähen und einem kecken Lachen in die harte Schale geschnitzt. Am Ende polierte ich mein Werk sorgfältig, so dass der Kopf schon beinahe von selbst zu leuchten schien, und hatte die wohl schönste Kürbiskopflaterne der ganzen Straße in Händen. Eine passende Kerze fand ich auch. Als es dämmerte, stellte ich meine Laterne zusammen mit einer großen Schale voller Süßigkeiten auf den Pfeiler des Gartenzaunes.

Fröstelnd zog ich die Jacke, die ich übergeworfen hatte, ein wenig enger und löschte die Kerze. Der Winter schickte seine Vorboten aus, die Temperatur war gegen den Gefrierpunkt gefallen. Die meisten Häuser lagen bereits im Dunkel. All die kleinen Hexen, Zauberer und Spukgestalten, die den ganzen Abend hindurch fröhlich schwatzend und lachend die Gegend unsicher gemacht hatten, lagen wahrscheinlich schon in den warmen Betten und freuten sich an ihrer reichen Beute. Ich sah auf die Uhr, es war kurz vor 23 Uhr, ich konnte noch ein paar Papiere durchgehen. Ich griff nach der nun leeren Schale, ging zurück ins Haus und nach oben in mein Arbeitszimmer.

Die Arbeit an den Berichten dauerte länger. Ich war gerade dabei einige komplizierte Berechnungen zu überprüfen, als mich das schrille Läuten der Haustürglocke hochfahren ließ. Irritiert sah ich auf die Uhr. 0.32 Uhr. Wieder läutete die Glocke, länger diesmal und noch einmal kurz. Ich sah aus dem Fenster. An der Einfahrt konnte ich im schwachen Schein der Straßenlaterne eine unförmige Gestalt erkennen. Noch einmal schrillte die Glocke. Ich lief die Treppe hinunter zur Gegensprechanlage. »Ein bisschen spät für Schabernack, oder?«, rief ich in Erwartung verspäteter Halloween-Feiernder hinein.

»Entschuldigen Sie bitte«, antwortete eine erwachsene, männliche Stimme.
»Ich hatte eine Panne und sah bei ihrem Haus noch Licht brennen …«
»Sind sie verletzt?«
»Oh nein, uns geht es gut, wir müssten nur telefonieren ..«
»Warten sie, ich komme mal hinaus«, sagte ich, schaltete die Außenbeleuchtung ein und griff nach meinen Schlüsseln. Ich öffnete die Tür und ging zur Einfahrt. Als ich näher kam, sah ich, dass die unförmige Gestalt aus zwei Personen bestand. Ein Mann, ungefähr in meinem Alter, stand vor der Gartentür und im Arm hatte er ein kleines Mädchen, etwa fünf oder sechs Jahre alt. Die Kleine war in eine Wolldecke gewickelt und schlief.
»Vielen Dank. Entschuldigen sie bitte die Störung, mein Wagen ist zwei Straßen weiter liegengeblieben«, sagte der Mann und deutete die Straße hinunter. »Ich war auf der Suche nach einer Telefonzelle und dann sah ich, dass hier noch Licht brennt ..«
»Ja in dieser Gegend geht man zeitig zu Bett«, antwortete ich mit einem raschen Blick auf die Nachbarhäuser. Alle lagen im Dunkeln, auch die festliche Beleuchtung der Häuser war zum größten Teil erloschen. Von der Einfahrt gegenüber starrte noch ein riesiger Totenkopf mit fahlem Blick und starrem Lächeln auf die beiden vor meiner Gartentür. »Und Telefonzellen werden knapp in Zeiten des Mobiltelefons … ?«, fügte ich hinzu.
»Wie? Oh natürlich. Es ist mir peinlich, natürlich ist ausgerechnet jetzt der Akku meines Telefons leer. Könnten wir vielleicht …?«
In diesem Augenblick wachte das kleine Mädchen auf.
»Sind wir schon zu Hause, Papa?«, fragte sie schlaftrunken und rieb sich die Augen.
»Nein, ein bisschen dauert es noch mein Spatz«
Das Mädchen legte die Arme um den Hals ihres Vaters, ihr Blick fiel auf meine Kürbislaterne.
»Kürbis!«, rief sie. Sie sah mich an, ihre Augen leuchteten.
»Süßes oder Saures?«, fragte sie hoffnungsvoll. »Ich bin nämlich eine Hexe!«
»Mariah, nicht jetzt«, der Mann drückte die Kleine leicht an sich. Er sah mich mit einem schiefen Lächeln an. »Entschuldigen sie bitte.«
Ich lachte.
»Oh, eine Hexe. Na, da muss ich mich aber in acht nehmen. Kommen sie erst mal rein, drin ist es auch wärmer«, sagte ich und öffnete den beiden die Tür.
Der Mann sah mich dankbar an.

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